Das vierte Buch Esra

Erstes Gesicht

Im dreißigsten Jahre nach dem Untergang der Stadt verweilte ich, Salatiel, der auch Esra heißt in Babel, und als ich einmal auf meinem Bette lag, geriet ich in Bestürzung, und meine Gedanken gingen mir zu Herzen, weil ich Zion verwüstet, Babels Bewohner aber im Überfluß sah. Da ward mein Gemüt heftig erregt, und in meiner Angst begann ich zum Höchsten zu reden.

Anklage: Woher kommt die Sünde und das Elend der Welt

Ich sprach: HERR, GOTT, bist du es nicht, der im Anfang, als du die Erde bildetest, gesprochen, du ganz allein, und dem Staube befohlen hast, daß er dir Adam hervorbrachte als leblosen Körper; aber auch der war ein Gebilde deiner Hände. Du hauchtest ihm den Odem des Lebens ein, daß er vor dir lebendig ward. Dann führtest du ihn ins Paradies, das deine Rechte gepflanzt hatte, ehe die Erde ward, und legtest ihm ein einziges Gebot von dir auf; er aber übertrat es. Danach verordnetest du über ihn den Tod, wie über seine Nachkommen.

Aus ihm wurden geboren Völker und Stämme, Nationen und Geschlechter ohne Zahl. Aber jedes Geschlecht wandelte nach seinem eigenen Willen; sie handelten gottlos vor dir und fielen ab: du aber hast sie nicht gehindert! Wiederum aber, als die Zeit gekommen, brachtest du die Sintflut über die Erde und die Bewohner der Welt und vertilgtest sie; über sie alle kam der Untergang mit einem Male. Wie über Adam der Tod, so kam über sie die Flut.

Einen aber von ihnen hast du verschont, Noah samt seinem Hause, alle Frommen, die von ihm stammten. Als nun die Erdenbewohner sich zu mehren begannen und viele Kinder, ja Völker und zahlreiche Geschlechter erzeugten, da begannen sie wiederum gottlos zu handeln, mehr als die Geschlechter vor ihnen. Als sie nun so böse vor dir lebten, erwähltest du dir einen von ihnen; der hieß Abraham. Den hattest du lieb und offenbartest ihm allein das Ende der Zeiten, im Geheimen bei Nacht; du schlossest mit ihm einen ewigen Bund und versprachst ihm, seinen Samen niemals zu verlassen. Du schenktest ihm Isaak, Isaak aber schenktest du Jakob und Esau. Und du erkorst dir Isaak, Esau aber verschmähtest du. Und Jakob wurde zu einem großen Volk.

Als du aber seinen Samen aus Ägypten führtest und sie an der Berg Sinai brachtest, da neigtest du die Himmel, bewegtest die Erde und erschüttertest den Weltkreis, daß die Tiefen erbebten und die Äonen erschraken. Dann ging deine Herrlichkeit durch die vier Tore, des Feuers, Erdbebens, Sturm und Hagels, um dem Samen Jakobs Gesetz zu geben und dem Geschlecht Israels Gebot. Aber du nahmst das böse Herz nicht von ihnen, daß dein Gesetz, in ihnen Frucht trüge. Denn um seines bösen Herzens willen geriet der erste Adam in Sünde und Schuld, und ebenso alle, die von ihm geboren sind. So ward die Krankheit dauernd: das Gesetz war zwar im Herzen des Volkes, aber zusammen mit dem schlimmen Keime. So schwand, was gut ist; aber das Böse blieb.

Als aber die Zeiten um waren und die Jahre zu Ende, da erwecktest du dir einen Knecht Namens David. Du befahlst ihm, die Stadt, die nach dir heißt, zu bauen und dir drinnen von deinem Eigentum Opfer zu bringen; und so geschah es lange Jahre.

Die Bürger der Stadt aber sündigten und handelten in allem wie Adam und alle seine Nachkommen, denn sie hatten ja selbst das böse Herz. Da gabst du deine Stadt deinen Feinden preis. Damals aber sprach ich bei mir: Handeln etwa Babels Bewohner besser? Hat er deshalb Zion verworfen?

Als ich dann hierher kam und die Gottlosigkeit ohne Zahl sah, und meine Seele viele sündigen sah, nun schon dreißig Jahre, da entsetzte sich mein Herz; denn ich sah, wie du sie, die Sünder, trägst und die Gottlosen verschonst, wie du dein Volk vernichtet und deine Feinde erhalten hast, und niemand offenbart hast, wie dieser dein Weg geändert werden soll. Hat Babel besser gehandelt als Zion? Hat dich ein anderes Volk erkannt außer Israel? oder welche Stämme haben so deinen Bündnissen geglaubt wie die Jakobs? deren Lohn nicht erschienen, deren Mühsal keine Frucht getragen! Denn ich habe die Völker hin und her durchwandert und sie im Glück gesehen, obwohl sie deine Gebote vergessen hatten. Nun aber wäge unsere Sünden und die der Weltbewohner auf der Wage, daß sich zeige, wohin der Ausschlag des Balkens sich neigt. Oder wann hätten die Bewohner der Welt vor dir nicht gesündigt? oder welches Geschlecht hätte so deine Gebote erfüllt? Einzelne zwar, mit Namen zu nennen, wirst du wohl finden, die deine Gebote gehalten, Völker aber findest du nicht!

Anwort: GOTTES Weg sind unerkennbar; der menschliche Geist vermag nur Weniges zu erkennen

Da antwortete mir der Engel, der zu mir gesandt war, mit Namen Uriel, und sprach zu mir: Dein Herz entsetzt sich über diese Welt, und du wünschtest, die Wege des Höchsten zu begreifen? Ich sprach: Ja, HERR!

Er antwortete mir und sprach: Drei Wege bin ich gesandt, dir zu weisen und drei Gleichnisse dir vorzulegen; kannst du mir eins davon kundtun, so will auch ich dir die Wege, die du zu schauen begehrst, zeigen und dich belehren, woher das böse Herz kommt. Ich sprach: Rede, HERR!

Er sprach zu mir: Nun, so wäge mir das Gewicht des Feuers oder miß mir das Maß des Windes oder ruf mir den gestrigen Tag zurück. Ich erwiderte und sprach: Welchem Weibgeborenen wäre das möglich, daß du mich nach solchen Dingen fragst?

Er sprach zu mir: Hätte ich dich gefragt, wieviel Wohnungen im Herzen des Meeres seien, wieviel Quellen am Grunde der Tiefe, oder wieviel Wege über der Veste, wo die Tore des Hades seien, oder wo der Weg gehe ins Paradies, so hättest du mir vielleicht geantwortet: in die Tiefe bin ich nicht hinabgestiegen, noch in den Hades bisher gedrungen, noch bin ich je in den Himmel hinaufgekommen, noch hab ich das Paradies gesehen. Nun habe ich dich nur über das Feuer, den Wind und den gestrigen Tag gefragt, alles Dinge, ohne die du nicht sein kannst; und du hast mir darüber keine Antwort gegeben!

Und er sprach weiter zu mir: Du kannst, was dein ist, was mit dir verwachsen ist, nicht erkennen, wie wirst du dann das Gefäß sein können, das des Höchsten Walten faßt? Denn des Höchsten Wege sind als Ewige erschaffen; du aber, ein sterblicher Mensch, der im vergänglichen Äon lebt, wie kannst du das Ewige begreifen?

Töricht ist es, Widernatürliches zu begehren

Als ich das gehört hatte, fiel ich auf mein Antlitz und sprach zu ihm: Besser wäre es, daß wir nie auf die Welt gekommen, als nun in Sünden zu leben und zu leiden und nicht zu wissen, weshalb!

Er antwortete mir und sprach: Einst gingen die Wälder der Bäume des Feldes hin und hielten Rat: Wohlan, wir wollen hin und gegen das Meer Krieg führen, daß es vor und zurücktrete und wir uns einen neuen Wald schaffen! Ebenso hielten die Wogen des Meeres Rat: Wohlan, wir wollen hinauf und den Wald des Feldes bekriegen, damit wir uns auch dort ein neues Gebiet erobern! Aber des Waldes Plan ward vereitelt, denn das Feuer kam und verzehrte ihn; ebenso auch der Plan der Wogen des Meeres, denn der Sand trat hin und hielt sie zurück. Wenn du nun ihr Richter wärest, wem würdest du Recht geben und wem Unrecht? Ich antwortete und sprach: Beide haben eitlen Rat gehalten; denn das Land ist dem Walde gegeben, der Raum des Meeres aber ist bestimmt, seine Wogen zu tragen. Er antwortete mir und sprach: Du hast richtig geurteilt; warum aber hast du dir nicht selbst das Urteil gesprochen? Denn wie das Land dem Walde gegeben ist, und das Meer seinen Wogen, ebenso können die Erdenbewohner nur das Irdische erkennen und nur die Himmlischen das, was in Himmelshöhen ist.

Aber schmerzlich ist es, das Notwendigste nicht zu wissen

Ich antwortete und sprach: HERR, ich flehe dich an, weshalb ist mir dann überhaupt das Licht der Vernunft gegeben? Denn ich wollte dich nicht über Dinge fragen, die uns zu hoch sind, sondern übersolche, die uns selber betreffen, jeden Tag aufs Neue: Weshalb ist Israel den Heiden hingegeben zur Schmach, dein geliebtes Volk den gottlosen Stämmen? Das Gesetz unserer Väter ist vernichtet, die geschriebenen Satzungen sind nicht mehr; wir schwinden aus der Welt wie Heuschrecken, unser Leben ist ein Rauch. Wir freilich sind nicht einmal wert, Erbarmung zu erfahren; aber was wird er für seinen Namen tun, der über uns ausgesprochen ist? Das war es, wonach ich fragte.

Der kommende Äon gibt die Lösung

Er antwortete mir und sprach: Wenn du bleiben wirst, wirst du's schauen; und wenn du lange leben wirst, wirst du erstaunen. Denn der Äon eilt mit Macht zu Ende.

Warum dieser Äon vorher zu Grunde gehen muß

Er vermag es ja nicht, die Verheißungen, die den Frommen für die Zukunft gemacht sind, zu ertragen; denn dieser Äon ist voll Trauer und Ungemach. Denn gesät ist das Böse, wonach du mich fragst, und noch ist seine Ernte nicht erschienen. Ehe das Gesäte also noch nicht geerntet, und die Stätte der bösen Saat nicht verschwunden ist, kann der Acker, da das Gute gesät ist, nicht erscheinen. Denn ein Körnchen bösen Samens war im Anfang in Adams Herzen gesät, aber welche Frucht der Sünde hat das bis jetzt getragen und wird weiter tragen, bis daß die Tenne erscheint. Ermiß also selber: wenn schon ein Körnchen bösen Samens solche Frucht der Sünde getragen hat, wenn einst Ähren des Guten gesät werden ohne Zahl, welche große Ernte werden die geben!

Wann soll das geschehen

Ich antwortete und sprach: Wie lange noch, wann soll das geschehen? Unser Leben ist ja so kurz und elend. Er aber antwortete und sprach: Du willst doch nicht mehr eilen als der Höchste? Denn du willst Eile um deiner selbst willen, der Höchste aber für Viele.

Das Ende kommt, wann die Zahl der Gerechten voll ist

Diese deine Frage haben schon die Seelen der Gerechten in ihren Kammern getan; die sprachen: Wie lange sollen wir noch hier bleiben? Wann erscheint endlich die Frucht auf der Tenne unseres Lohns? Aber ihnen hat der Erzengel Jeremiel geantwortet und gesprochen: wann die Zahl von Euresgleichen voll ist! Denn er hat auf der Waage den Äon gewogen, Er hat die Stunden mit dem Maße gemessen und nach der Zahl die Zeiten gezählt. Er stört sie nicht und weckt sie nicht auf, bis das angesagte Maß erfüllt ist. Ich antwortete und sprach: HERR, mein Gebieter, aber auch wir sind voller Sünden. Wird nicht vielleicht unseretwegen die Tenne der Gerechten aufgehalten, um der Sünden der Erdenbewohner willen? Er antwortete mir und sprach: Geh hin, frage die Schwangere, ob ihr Schoß, wenn ihre neun Monate um sind, noch das Kind bei sich behalten kann? Ich sprach: Gewiß nicht, HERR. Er sprach zu mir: Die Wohnungen der Seelen im Hades sind dem Mutterschoße gleich; denn wie ein gebärendes Weib der Schmerzen der Geburt möglichst bald sich zu entledigen strebt, so streben auch sie danach, möglichst bald das zurückzugeben, was ihnen im Anfang vertraut ist. Dann wird man dir zeigen, was du zu schauen begehrst.

Das Ende kommt bald

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn es möglich ist, und wenn ich dazu fähig bin, so zeige mir auch dies: ob noch längere Zeit, als schon vergangen ist, uns bevorsteht, oder ob wir bereits das Meiste hinter uns haben? Denn wieviel vergangen ist, weiß ich wohl; aber die Zukunft kenne ich nicht. Er sprach zu mir: Tritt nach rechts, so will ich dir den Sinn eines Gleichnisses erklären. Als ich nun hintrat, da sah ich, wie ein glühender Ofen an mir vorüberfuhr; und als das Feuer vorüber war, sah ich, wie noch Rauch zurückblieb. Danach zog eine Wolke, voll Wassers, an mir vorüber; die ließ einen mächtigen Regenguß herab. Als aber der Regenguß vorüber war, blieben noch einzelne Tropfen darin zurück. Da sprach er zu mir: Nun überlege selbst: wie des Regens mehr ist als der Tropfen und des Feuers mehr ist, als des Rauchs, so ist das Maß der Vergangenheit bei Weitem größer gewesen; zurück aber sind nur noch geblieben - Tropfen und Rauch.

Dem Ende gehen folgende Zeichen voraus

Ich flehte und sprach: Glaubst du, daß ich leben werde bis zu jenen Tagen? Was wird in jenen Tagen geschehen?

Er antwortete mir und sprach: Die Zeichen, nach denen du fragst, kann ich dir zum Teil sagen; über dein Leben aber dir etwas zu sagen, bin ich nicht gesandt und weiß es selber nicht. Die Zeichen aber sind: Siehe, Tage kommen, da werden die Erdenbewohner von gewaltigen Schrecken erfaßt, das Gebiet der Wahrheit wird verborgen sein, und das Land des Glaubens ohne Frucht. Da wird der Ungerechtigkeit viel sein, mehr noch, als du jetzt selber siehst, und als du von früher gehört hast. Das Land aber, das du jetzt herrschen siehst, wird weglose Wüste sein; man wird es verlassen sehen: fristet dir der Höchste das Leben, so wirst du es nach dreien Zeiten in Verwirrung sehen. Da wird plötzlich die Sonne bei Nacht scheinen und der Mond am Tage. Von Bäumen wird Blut träufeln; Steine werden schreien. Die Völker kommen in Aufruhr, die Ausgänge in Verwirrung; und zur Herrschaft kommt, den die Erdenbewohner nicht erwarten. Die Vögel wandern aus; das Meer von Sodom bringt Fische hervor und brüllt des Nachts mit einer Stimme, die viele nicht verstehen, aber alle vernehmen. An vielen Orten tut sich der Abgrund auf, und lange Zeit bricht das Feuer hervor. Da verlassen die wilden Tiere ihr Revier. Weiber gebären Mißgeburten. Im süßen Wasser findet sich salziges. Freunde bekämpfen einander plötzlich. Da verbirgt sich die Vernunft, und die Weisheit flieht in ihre Kammer; viele suchen sie und finden sie nicht. Der Ungerechtigkeit aber und Zuchtlosigkeit wird viel sein auf Erden. Dann fragt ein Land das andere und spricht: Ist etwa die Gerechtigkeit, die das Rechte tut, durch dich gekommen? und es wird antworten: Nein! In jener Zeit werden die Menschen hoffen und nicht erlangen, sich abmühen und nicht zum Ziel kommen.

Diese Zeichen dir zu sagen, ist mir erlaubt worden; wenn du aber nochmals betest und wie heute weinst und sieben Tage lang fastest, wirst du aufs Neue Dinge erfahren, die größer sind als diese.

Schluß

Da erwachte ich: Mein Leib schauderte gewaltig, und meine Seele ward ohnmächtig vor Ermattung. Aber der Engel, der mir erschienen war, der mit mir sprach, hielt mich fest, stützte mich und stellte mich auf die Füße. In der folgenden Nacht aber kam der Fürst des Volkes, Phaltiel, zu mir und sprach zu mir: Wo warst du? Weshalb ist dein Antlitz so verstört? Oder weißt du nicht, daß Israel im Lande seiner Verbannung dir anvertraut ist? Steh auf, iß einen Bissen Brot und laß uns nicht im Stich, dem Hirten gleich, der seine Herde den bösen Wölfen preisgibt! Ich sprach zu ihm: Verlaß mich und komm vor sieben Tagen nicht wieder; wenn du dann zurückkehrst, will ich dir Aufschluß geben. Als er dies hörte, verließ er mich.

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