Zweites Gesicht

So fastete ich sieben Tage unter vielen Klagen und Tränen, wie mir der Engel Uriel geboten hatte. Als aber die sieben Tage um waren, begannen die Gedanken meines Herzens mich mächtig zu bedrängen. Da bekam meine Seele den Geist der Einsicht, und ich begann nochmals vor dem Höchsten Worte zu sprechen:

Warum hat GOTT sein einziges, auserwähltes Volk den Heiden preisgegeben

Ich sprach: Ach HERR GOTT, aus allem Walde der Erde und alle seinen Bäumen hast du dir einen Weinstock erwählt, aus allen Ländern der Welt dir eine Pflanzgrube ausgesucht, aus allen Blumen des Erdkreises die eine Lilie erkoren, vor allen Tiefen des Meeres hast du Wachstum gegeben dem einen Bach, aus allen Städten, die je gebaut sind, nur Zion dir selber geheiligt, aus allen Vögeln, die du geschaffen, dir eine Taube dir berufen, aus allen Tieren, die du gebildet, das eine Schaf ersehen, aus allen Völkern, deren so viel ist, das eine Volk dir erworben und das Gesetz, das du unter allen ausgesucht, hast du dem Volke, das du begehrt hast, verliehen. - Jetzt aber, HERR, weshalb hast du das Eine den Vielen preisgegeben, hast den einen Sproß vor den anderen in Schmach gebracht und dein einziges Eigentum unter die Vielen zerstreut? Weshalb haben, die deinen Verheißungen widersprochen haben, die niedertreten dürfen, die deinen Bündnissen geglaubt haben? Ja, wenn du deinem Volk auch gram geworden wärest, so hättest du es doch züchtigen müssen mit eigener Hand!

Dennoch liebt GOTT Israel noch immer

Als ich diese Worte gesprochen hatte, ward der Engel zu mir gesandt, der schon das letzte Mal zu mir gekommen war. Er sprach zu mir: Höre mir zu, so will ich dich lehren; merke auf mein Wort, so will ich weiter zu dir sprechen. Ich sprach: Rede, HERR! Er sprach zu mir: Die Sinne vergehen dir über Israels Geschick? Hast du es denn mehr lieb als sein Schöpfer?

Dies Problem ist für Menschen unlösbar

Ich sprach: Nein, HERR; aber vor Schmerzen habe ich reden müssen; denn jede Stunde aufs Neue blutet mir das Herz, wenn ich die Wege des Höchsten erfassen möchte und seines Gerichtes Spruch erspähen! Er sprach zu mir: Das kannst du nicht. Ich sprach: Warum? Weshalb ward ich dann geboren? Warum ist meiner Mutter Schoß nicht mein Grab geworden, daß ich Jakobs Elend nicht brauchte zu sehen und die Not des Geschlechtes Israel?

Er sprach zu mir: So nenne mir die Zahl der Zukünftigen, sammle mir zerstreute Tropfen des Regens wieder ein, mach vertrocknete Blumen wieder grün, öffne mir die verschlossenen Kammern und laß die Winde, die sie enthalten, heraus, sage mir, wie Gesichter aussehen, die du nie gesehen hast, oder zeige mir die Gestalt des Tons; so will ich dir das Rätsel lösen, das du zu schauen begehrst. Ich sprach: HERR, mein Gebieter, wer könnte sich auf dergleichen verstehen, außer denen, die nicht unter Menschen wohnen? Ich aber habe nicht Wissen noch Macht; wie könnte ich solche Fragen beantworten? Er sprach zu mir: So wenig du von alledem, was ich nannte, auch nur Eines zu tun vermagst, so wenig vermagst du mein Gericht zu erfassen oder das Ziel der Liebe, die ich meinem Volke zugesagt.

Über die Stellung der verschiedenen Generationen im göttlichen Weltplan

Ich sprach: Gilt GOTTES Verheißung nur dem letzten Geschlecht? Ach, mein HERR, dein Segen gilt nur denen, die das Ziel erleben; was sollen aber unsere Vorfahren, wir selbst und unsere Nachkommen tun? Er sprach zu mir: Einem Reigen soll mein Gericht gleich werden; darin sind die Letzten nicht zurück und die Ersten nicht voran.

Verschiedene, aufeinander folgen Generationen sind in dieser Welt notwendig

Ich antwortete und sprach: Konntest du nicht alle Geschlechter der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einmal schaffen, damit dein Gericht um so schneller erscheine? Er antwortete mir und sprach: Die Schöpfung darf dem Schöpfer nicht vorgreifen; auch könnte die Welt alle Geschaffenen auf einmal nicht ertragen. Ich sprach: Wie aber stimmt das zu dem Worte, das du eben zu deinem Knechte gesagt hast, daß du einst die ganze Schöpfung auf einmal zum Leben erwecken würdest? Wenn sie einst alle auf einmal leben werden, und die Schöpfung das ertragen kann, wäre sie doch auch jetzt schon im Stand, alle auf einmal zu tragen. Er sprach zu mir: Frage den Mutterschoß und sprich zu ihm: Wenn du zehn Kinder bekommst, warum bekommst du sie, jedes zu seiner Zeit? Fordere ihn auf, zehn auf einmal zu zeugen. Ich sprach: Unmöglich kann er das, sondern nur jedes zu seiner Zeit. Er sprach zu mir: So habe auch ich die Erde zum Mutterschoße gemacht für die, die jedes zu seiner Zeit, von ihr empfangen werden. Denn wie das Kind nicht gebiert, noch die Greisin mehr, so habe ich auch in der Welt, die ich geschaffen, ein bestimmtes Nacheinander festgesetzt.

Die Welt ist als geworden

Ich fragte ihn und sprach: Da du mir nun die Wege gewiesen, so laß mich weiter vor dir sprechen. Ist unsere Mutter, von der du gesprochen, noch jung oder schon dem Alter nahe? Er antwortete mir und sprach: Frage die Gebärerin, die kann dir's sagen; sprich zu ihr: Weshalb sind deine jüngsten Kinder ihren älteren Geschwistern nicht gleich, sondern weniger kräftig? so wird sie selber dir antworten: Anders sind die, die in der Blüte der Kraft erzeugt sind, anders die Kinder des Alters, als der Schoß die Kraft verloren hatte. Nun ermiß du selber, daß ihr weniger kräftig seid als eure Vorfahren; so auch eure Nachkommen weniger kräftig als ihr. Denn die Schöpfung wird schon alt und ist über die Jugendkraft hinaus.

Der Jüngste Tag kommt durch GOTT allein

Ich sprach: Ach HERR, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige deinem Knecht, durch wen du deine Schöpfung heimsuchen wirst. Er sprach zu mir: Im Anfange der Welt, ehe des Himmels Pforten standen, ehe der Wind Stöße blies; ehe der Donner Schall ertönte, ehe der Blitz Leuchten strahlte; ehe die Grundlagen des Paradieses gelegt, ehe die Schönheit seiner Blumen zu schauen war; ehe die Mächte der Bewegung bestellt, ehe die zahllosen Heere der Engel gesammelt; ehe die Höhen der Lüfte sich erhoben; ehe die Räume des Himmels Namen trugen; ehe Zions Schemel bestimmt war; ehe die Jahre der Gegenwart berechnet; ehe die Anschläge der Sünder verworfen, aber, die Schätze des Glaubens sammeln, versiegelt: Damals habe ich dies alles vorbedacht, und durch mich und niemand weiter ward es erschaffen; so auch das Ende durch mich und niemand weiter!

Die Scheidung der Zeiten

Ich antwortete und sprach: Wie wird die Scheidung der Zeiten geschehen? wann wird das Ende des ersten Äons sein und der Anfang des zweiten? Er sprach zu mir: von Abraham bis Abraham. Denn von ihm stammen Jakob und Esau; die Hand Jakobs aber hielt im Anfang die Ferse Esaus. Die "Ferse" des ersten Äon ist Esau; die "Hand" des zweiten ist Jakob. Der Anfang des Menschen ist die Hand, sein Ende die Ferse. Zwischen Ferse und Hand nichts weiter! - Das überlege, Esra!

Die Zeichen der letzten Zeit und das Ende

Ich antwortete und sprach: HERR, mein Gebieter, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige deinem Knecht, die letzten deiner Zeichen, von denen du mir in vergangener Nacht einen Teil gezeigt hast. Er antwortete und sprach zu mir: Stelle dich fest auf deine Füße, so wirst du eine gewaltig laute Stimme vernehmen; und wenn der Ort, da du stehst, beim Erschallen dieser Stimme mächtig schwankt, so ängstige dich nicht: denn die Stimme redet vom Ende; die Tiefen der Erde aber werden es verstehen, daß von ihnen selber die Rede ist. Sie werden zittern und schwanken, denn sie wissen, daß an ihnen beim Ende eine Verwandlung geschehen soll.

Als ich das vernommen hatte, trat ich fest auf meine Füße und horchte auf: da ertönte eine Stimme, die scholl wie der Schall großer Wasser. Die sprach: Siehe, Tage werden sein, wann ich komme zu nahen, um heimzusuchen die Erdenbewohner, wann ich komme zu rächen den Frevel der bösen Frevler, wann Zions Erniedrigung voll ist und der Äon, der dahingeht, versiegelt, da will ich folgendes Zeichen geben: Bücher werden aufgetan im Angesicht der Veste, die werden alle auf einmal sehen. Jährige Kinder werden ihre Stimmen erheben und reden; Schwangere gebären Frühgeburten im dritten und vierten Monat; die aber bleiben am Leben und laufen umher. Plötzlich werden besäte Felder ohne Frucht erscheinen, und volle Scheunen werden plötzlich leer gefunden. Die Posaune wird laut erschallen; alle Menschen vernehmen sie plötzlich und erbeben. In jener Zeit werden Freunde einander als Feinde bekämpfen, daß die Erde samt ihren Bewohnern sich davor entsetzt. Wasserquellen stehen still und laufen nicht drei Stunden lang. Wer aber übrigbleibt aus alledem, was ich dir vorausgesagt, der wird gerettet werden und mein Heil und das Ende meiner Welt schauen. Da erscheinen die Männer, die einst emporgerafft sind, die den Tod nicht geschmeckt haben seit ihrer Geburt. Dann wird das Herz der Erdenbewohner verändert und zu neuem Geiste verwandelt. Dann ist das Böse vertilgt, und der Trug vernichtet; der Glaube in Blüte, das Verderbnis überwunden; und die Wahrheit wird offenbar, die so lange Zeit ohne Frucht geblieben ist.

Während er so zu mir sprach, erbebte die Stätte, wo ich stand, mehr und mehr. Er aber sprach zu mir: Dies sollte ich dir zeigen, und noch in der nächsten Nacht; wenn du nun weiter flehst und weiter fastest, sieben Tage lang, will ich dir Weiteres, das größer ist als dieses, bei Tage offenbaren. Denn dein Gebet ist beim Höchsten erhört; der Allmächtige hat deine Gerechtigkeit gesehen und die Frömmigkeit, die du von Jugend auf geübt hast, erkannt. Deshalb hat er mich gesandt, um dir dies alles zu offenbaren und dir zu sagen: Fasse Mut, verzage nicht; hege nicht allzu ängstlich eitle Gedanken über diese Zeit, daß du nicht Angst erdulden müßtest in der letzten Zeit.

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