Viertes Gesicht

Zions Trauer und Herrlichkeit

So ging ich, wie er mir befohlen hatte, auf das Gefilde Ardaf und setzte mich dorthin unter die Kräuter; von den Pflanzen des Feldes aß ich und wurde satt von dieser Nahrung. Als ich aber nach sieben Tagen einmal im Grase lag, ward mein Herz bewegt wie zuvor. Da tat sich mein Mund auf, und ich begann, vor dem Höchsten zu reden.

Wo bleibt Israels Herrlichkeit

Ich sprach: HERR, du hast unter uns deine Offenbarung gestiftet, an unsere Väter in der Wüste, als sie aus Ägypten kamen und durch die ungangbare und unfruchtbare Wüste zogen; damals hast du gesprochen: Du Israel, höre auf mich; Same Jakobs, merkt auf meine Worte:

Heute säe ich mein Gesetz in euer Herz, das wird in euch Frucht bringen und ihr sollt dadurch ewige Herrlichkeit erwerben. - So empfingen unsere Väter das Gesetz, aber sie bewahrten es nicht; Satzungen, aber hielten sie nicht. So ging zwar des Gesetzes Frucht nicht verloren - gewiß, denn es stammt ja von dir -; sie aber, die es empfingen, gingen verloren, weil sie nicht bewahrt hatten, was in sie gesät war. - Nun aber ist doch die Regel: wenn die Erde Samen aufnimmt oder das Meer ein Schiff oder ein Gefäß Speise und Trank, und dann das Gesäte oder Hineingelassene oder Hineingetane zu Grunde geht, so bleibt doch auch dann die Stätte, dahinein es getan ist, erhalten. Bei uns aber ist es ganz anders geschehen: wir, die das Gesetz empfangen, müssen wegen unserer Sünden verloren gehen samt unserem Herzen, in das es getan ist; das Gesetz aber geht nicht verloren, sondern bleibt in seiner Herrlichkeit.

Zions Klage

Als ich dies im Herzen sprach, schaute ich mit den Augen hinter mich und erblickte zur Rechten ein Weib; die klagte und jammerte mit lauter Stimme und war tief bekümmert. Ihre Kleider waren zerrissen, und Staub lag auf ihrem Haupt. Da ließ ich die Gedanken fahren, denen ich bisher nachgehangen hatte, wandte mich nach ihr um und sprach zu ihr: Was weinst du? warum bist du so betrübt? Sie sprach zu mir: Ach HERR, laß mich mein Leid beweinen und weiter klagen, denn ich bin in bitterer Not und tiefem Leid. Ich sprach zu ihr: Was ist dir geschehen? sage es mir! Sie sprach zu mir: Deine Magd war unfruchtbar und hatte nicht geboren, obwohl sie dreißig Jahre verheiratet war. In diesen dreißig Jahren habe ich stündlich und täglich zum Höchsten gebetet, bei Nacht und Tag. Endlich, nach dreißig Jahren, erhörte GOTT deine Magd und sah meine Schmach an; er achtete auf meine Not und schenkte mir einen Sohn. Da freute ich mich sehr über ihn samt meinem Mann und allen Bürgern, und wir gaben dem Allmächtigen Ehre. Dann zog ich ihn mit vieler Mühe auf. Als er nun herangewachsen, schickte ich mich an, ihm ein Weib zu nehmen, und richtete ihm die Hochzeit aus. Als aber mein Sohn die Kammer betrat, fiel er nieder und war tot. Da stießen wir alle die Lichter um. Alle Nachbarn aber standen auf, mich zu trösten; ich aber sagte kein Wort bis zur zweiten Nacht. Als sie sich nun alle zur Ruhe begeben und abgelassen, mir zuzureden, im Glauben, ich sei beruhigt, da erhob ich mich bei Nacht, floh und kam, wie du siehst, auf dieses Feld. Und nun denke ich, nicht mehr in die Stadt zurückzukehren, sondern hier zu bleiben und nicht zu essen noch zu trinken, sondern ohne Unterlaß zu klagen und zu faste, bis ich sterben.

Da ließ ich die Reden, die mich bisher beschäftigt hatten, antwortete ihr im Zorn und sprach: Du Törichte vor allen Weibern, siehst du nicht unsere Trauer und unser Unglück? Ist doch Zion, unser aller Mutter, selber in tiefer Trauer, in schwerem Leid, in bitterer Klage.

Jetzt ist es wohl Zeit, zu klagen - wir sind ja alle im Elend - und betrübt zu sein - wir sind ja alle in Trübsal; du aber klagst allein um deinen Sohn! Frage aber die Erde, sie wird dir´s sagen, daß sie es ist, die über so viele klagen müßte, die auf ihr entsprossen sind. Aus ihr haben wir alle den Anfang genommen, andere werden aus ihr kommen: fast alle aber gehen ins Verderben; ihre Menge wird vernichtet. Wer sollte also mehr klagen: nicht sie, die solche Menge verloren hat? etwa du, die du nur um den Einen Leid trägst? - Oder wirst du erwidern: Mein Jammer ist dem der Erde nicht gleich; ich habe meines Leibesfrucht verloren, die ich in Mühen gekreißt und mit Schmerzen geboren.

Der Erde aber ergeht es nur nach ihrer Natur: die Menge, die auf ihr lebte, ist dahingegangen, wie sie gekommen ist. Aber ich entgegne dir: Wie du mit Schmerzen gekreißt hast, ebenso hat auch die Erde im Anfang ihrem Schöpfer ihre Frucht, den Menschen, hervorgebracht.

So halte deinen Schmerz zurück und ertrage standhaft dein Unglück. Denn wenn du GOTTES Beschlüssen Recht gibst, wirst du deinen Sohn zur rechten Zeit wiederbekommen und Ehre haben unter den Weibern. Geh also in die Stadt zu deinem Manne zurück.

Sie sprach zu mir: Das tue ich nicht; in die Stadt gehe ich nicht, sondern hier will ich sterben. Da fuhr ich noch mal fort, zu ihr zu reden, und sprach: Nein, Weib! nein, Weib! so darfst du nicht tun; sondern laß dich willig bereden um Zions Unglück, laß dich trösten durch Jerusalems Schmerz.

Du siehst doch, wie unser Heiligtum verwüstet ist, unser Altar niedergerissen; unser Tempel zerstört, unser Gottesdienst aufgehoben; unsere Harfe in den Staub geworfen, unser Jubellied verstummt, unser Stolz gebeugt; unseres Leuchters Licht erloschen, unserer Bundeslade geraubt; unsere Heiligtümer verunehrt, der Name, nach dem wir heißen, geschändet; unsere Edlen mit Schmach bedeckt, unsere Priester verbrannt, unsere Leviten gefangen; unsere Jungfrauen befleckt, unsere Weiber vergewaltigt; unsere Greise verunehrt, unsere Gerechten fortgeführt; unsere Kinder geraubt, unsere Jünglinge zu Sklaven geworden und unsere Helden schwach. Und schlimmer als alles dieses:

Dem Siegel Zions ist jetzt seine Ehre versiegelt und ist unseren Hassern in die Hand gegeben. So schüttle deine tiefe Traurigkeit ab, laß die Fülle der Schmerzen fahren, daß der Allmächtige sich dir versöhne und der Höchste dir Ruhe schenke, Trost von deinem Gram!

Zions Herrlichkeit

Als ich noch so zu ihr sprach, siehe da erglänzte ihr Angesicht plötzlich, und ihr Aussehen ward wie Blitzes Schein, so daß ich vor großer Furcht nicht wagte, ihr nahe zu kommen, und sich mein Herz gewaltig entsetzte. - Während ich noch überlegte, was dies zu bedeuten habe, schrie sie plötzlich mit lauter, furchtbarer Stimme, daß die Erde vor diesem Schrei erbebte. Und als ich hinblickte, da war das Weib nicht mehr zu sehen, sondern eine erbaute Stadt, und ein Platz zeigte sich mir auf gewaltigen Fundamenten. Da erschrak ich und schrie mit lauter Stimme und sprach: Wo ist der Engel Uriel, der im Anfange zu mir gekommen war? Er selber hat mich ja in die Fülle dieser Schrecknisse gesandt; nun ist meine Absicht vereitelt, meine Bitte abgeschlagen!

Die Deutung

Als ich noch sprach, siehe, da kam der Engel zu mir, der schon im Anfange zu mir gekommen war; und als er mich sah wie einen Toten daliegen mit entschwundenen Sinnen, da faßte er mich an der Rechten, stärkte mich und stellte mich auf die Füße. Und er sprach zu mir:

Was fehlt dir? was entsetzt dich so? warum ist dein Gemüt so bestürzt und deines Herzens Sinn!

Ich sprach: Weil du mich im Stich gelassen! Ich habe nach deinen Worten gehandelt und bin aufs Feld gegangen, und ach, hier sah ich und sehe, was ich nicht erklären kann. Er sprach zu mir: Tritt hin wie ein Mann, so will ich dich belehren. Ich sprach: Rede, HERR; nur verlaß mich nicht, daß ich nicht schuldlos sterbe, denn ich habe gesehen, was ich nicht verstand, und gehört, was ich nicht begreife. Oder täuschen sich meine Sinne? und träumt meine Seele? Nun flehe ich dich an: erkläre deinem Knecht dies Schrecknis!

Er antwortete mir und sprach: Höre mir zu, so will ich dich belehren und dir kundtun, wovor du erschrickst; denn der Höchste hat dir große Geheimnisse offenbart. Denn er hat deinen treuen Sinn erkannt, wie du ohne Unterlaß um dein Volk getrauert und tiefes Leid um Zion getragen hast.

Dies ist der Sinn des Gesichts: das Weib, das dir vor Kurzem erschienen ist, das du trauern gesehen und zu trösten begonnen hast, das dir jetzt aber nicht mehr in Weibesgestalt erscheint, sondern als eine erbaute Stadt, und das dir vom Unfall ihres Sohnes erzählt hat, davon lautet die Deutung: dies Weib, das du gesehen hast, ist Zion, das du jetzt als erbaute Stadt schaust. - Wenn sie dir gesagt, sie sei dreißig Jahre unfruchtbar gewesen; weil in der Welt drei Jahre vergangen sind, ehe Opfer drinnen geopfert worden sind; erst nach drei Jahren hat Salomo die Stadt gebaut und Opfer geopfert: damals gebar die unfruchtbare einen Sohn. - Wenn sie dir erzählt hat, sie habe ihn mit Mühe aufgezogen: das war die Zeit, da Jerusalem bewohnt war. - Und wenn sie dir erzählt hat, ihr Sohn sei, als er die Brautkammer betreten, gestorben: dieser Unfall, der sich ihr ereignet hat, ist die Zerstörung Jerusalems, die du erlebt hast. - Nun hast du sie im Bilde gesehen, wie sie um ihren Sohn trauert, und du selber hast schon begonnen, sie in ihrem Unglück zu trösten.

Nun hat der Höchste gesehen, daß du im Innern betrübt bist und aus ganzem Herzen um sie trauerst; darum hat er dir ihren strahlenden Glanz gezeigt und ihre wundervolle Herrlichkeit.

Ebendeshalb hatte ich dir befohlen, auf dem Gefilde zu bleiben, wo noch kein Haus gebaut ist; denn ich wußte wohl, der Höchste werde dir dies Alles offenbaren. Darum befahl ich dir, auf das Feld zu gehen; wo noch kein Grund zu einem Bau gelegt ist; denn es darf kein menschliches Bauwerk da bestehen, wo die Stadt des Höchsten sich offenbaren soll. - Du also fürchte dich nicht, dein Herz erschrecke nicht; sondern geh hinein und besieh dir die Pracht und Herrlichkeit des Baus, soviel nur deine Augen fassen und schauen können! Danach wirst du hören, so viel deine Ohren fassen und hören können. Denn du bist selig vor vielen und hast vor dem Höchsten einen Namen wie wenige!

Bleibe aber noch morgen Nacht hier; so wird dir der Höchste in Traumgesichten zeigen, was der Höchste in den letzten Tagen den Erdenbewohnern tun will.

Seite zurück  |  Seite vor




Startseite
Buch Jubiläen
Buch Weisheit
Jesus Sirach
Vierte Esra
Buch Henoch

Inhalt
Die Bibel 4 You
1 2 3 4 5 6 7