Fünftes Gesicht

Der Adler aus dem Meer

So schlief ich jene Nacht und auch noch die folgende, so wie er mir geboten. In der zweiten Nacht sah ich einen Traum:

Da stieg ein Adler aus dem Meer empor; der hatte zwölf befiederte Flügel und drei Häupter. Und ich schaute, wie er seine Flügel über die ganze Erde ausbreitete, und wie alle Winde des Himmels auf ihn einbliesen, und die Wolken sich um ihn sammelten. Danach schaute ich, wie aus seinen Flügeln Gegen-Flügel entstanden, die wurden kleine und geringe Flüglein. Die Häupter aber schliefen; das mittlere Haupt war größer als die beiden anderen, aber schlief ebenso wie sie. Dann schaute ich, wie der Adler mit seinen Flügeln dahinflog, um über die Erde und ihre Bewohner die Herrschaft zu gewinnen. Und ich schaute, wie alles unter dem Himmel ihm unterworfen ward, und niemand ihm widerstand, keines von allen Geschöpfen der Erde. Dann schaute ich, wie sich der Adler auf seinen Krallen aufrichtete und zu seinen Flügeln also sprach: Wachet ihr nicht alle mit einem Male, sondern schlafet jeder an seiner Stätte und wacht zu eurer Zeit; die Häupter aber sollen bis zuletzt warten. Und ich schaute, daß diese Stimme nicht aus seinen Häuptern, sondern mitten aus seinem Leibe hervorging. Ich zählte die Gegen-Flügel: sieh, es waren ihrer acht. Dann schaute ich, wie der erste Flügel auf der rechten Seite erwachte und über die ganze Erde regierte. Als er aber regiert hatte, ging es mit ihm zu Ende: da war er verschwunden, so daß auch seine Stätte nicht zu sehen war.

Da erwachte der zweite und regierte, und dieser hielt lange Zeit inne. Als er regiert hatte, ging es mit ihm zu Ende, so daß er nicht mehr zu sehen war, wie der Vorige. Und siehe, es erscholl eine Stimme, die zu ihm sprach: Höre du, der du diese ganze Zeit hindurch die Erde behauptet hast; dies verkünde ich dir, bevor du nicht mehr sein wirst: nach dir wird niemand so lange herrschen wie du, ja nicht einmal halb so lange!

Dann richtete sich der Dritte empor und führte das Regiment wie seine Vorgänger; dann verschwand auch er. Und so ergings auch den übrigen Flügeln allen, der Reihe nach das Regiment zu haben und dann zu verschwinden.

Dann schaute ich, siehe, da erhoben sich zu ihrer Zeit auch die folgenden Flügel auf der rechten Seite, um das Regiment zu führen; unter ihnen waren einige, die es führten, aber sofort wieder verschwanden. Andere aber von ihnen erhoben sich, aber behaupteten nicht das Regiment.

Danach schaute ich, da waren die zwölf Flügel verschwunden und zwei der Flüglein; und am ganzen Leibe des Adlers war nichts mehr übrig als nur noch die ruhenden Häupter und sechs Flüglein.

Dann schaute ich, wie sich von den sechs Flüglein zwei trennten und sich unter das rechte Haupt begaben; die übrigen vier beharrten an ihrem Ort. Dann schaute ich, wie diese vier Gegen-Flügel planten, sich aufzurichten und das Regiment zu führen. Ich schaute, siehe da, der erste von ihnen richtete sich auf, aber verschwand sofort wider; so auch der zweite: der verschwand noch rascher als der erste. Dann scheute ich, wie auch die beiden übrigen planten, zur Herrschaft zu kommen.

Während sie aber dies noch planten, siehe, da wachte das erste der ruhenden Häupter auf; es war das mittlere, das größer als die beiden anderen Häupter war. Dann schaute ich, wie es die beiden Häupter mit sich verband; und siehe da, das Haupt mit seinen Verbündeten wandte sich und fraß die beiden Gegenflügel, die geplant hatten, zu herrschen. Dies Haupt hielt die ganze Erde im Zaum und drangsalierte ihre Bewohner mit großer Bedrängnis und führte die Herrschaft über den Erdkreis gewaltiger als alle Flügel vor ihm.

Danach schaute ich und siehe, das mittlere Haupt war plötzlich verschwunden, ebenso wie vorher die Flügel. So blieben nur noch die beiden Häupter übrig; die herrschten nun selber über die Erde und ihre Bewohner. Danach schaute ich und siehe, das rechte Haupt verschlang das linke. Da hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: Blicke gerade aus und betrachte genau, was du schaust.

Da schaute ich, siehe da, es kam ein Löwe, der aus dem Walde mit Gebrüll hervorstürzt; ich hörte, wie er Menschenstimme gegen den Adler von sich ließ. Er sprach aber also: Höre, du Adler, so will ich zu dir reden. Der Höchste spricht zu dir: Du bist ja das letzte der vier Tiere, die ich bestimmt hatte, daß sie in meiner Welt herrschen sollten, und daß durch sie das Ende meiner Zeiten kommen sollte. Du aber, das vierte, das gekommen ist, hast alle früheren Tiere überwunden, du hast die Welt mit großem Schrecken, du hast die ganze Erde mit schwerer Drangsal beherrscht; du hast den Erdkreis so lange Zeit mit Trug bewohnt und die Erde nicht mir Wahrheit gerichtet: denn du hast die Sanftmütigen bedrückt und die Friedfertigen vergewaltigt; du hast die Wahrhaftigen gehaßt und die Lügner geliebt; du hast den Fruchtbringenden die Burgen zerstört und denen, die dir nichts Böses getan, die Mauern eingerissen.

Aber dein Frevel ist vor den Höchsten, deine Hoffart vor den Allmächtigen gekommen. Da sah der Höchste seine Zeiten an: siehe, sie waren zu Ende, und seine Äonen: sie waren voll. Darum wirst du Adler verschwinden samt deinen schrecklichen Flügeln, deinen bösartigen Flüglein, deinen ruchlosen Häuptern, deinen grausamen Klauen und deinem ganzen frevlerischem Leib! So wird die ganze Welt, von deiner Gewalt befreit, erleichtert aufatmen, um dann des Gerichtes und der Gnade des Schöpfers zu harren.

Während der Löwe diese Worte zum Adler sprach, schaute ich, wie auch das letzte Haupt verschwand. Da richteten sich die beiden Flügel auf, die sich zu ihm begeben hatten, und erhoben sich, um zu herrschen; aber die Herrschaft war schwach und stürmisch. Dann schaute ich, wie auch diese verschwanden, und der ganze Leib des Adlers in Flammen aufging: da staunte die Erde gewaltig.

Die Deutung

Da erwachte ich vor mächtigem Schrecken und großer Furcht, und ich sprach zu meinem Geiste: Du hast mir dies eingebracht, weil du nach des Höchsten Wesen grübelst. Nun aber ist meine Seele matt, und mein Geist ganz geschwächt, und keine Kraft ist mir geblieben wegen der großen Furcht, die diese Nacht über mich gekommen ist. Darum will ich jetzt zum Höchsten beten, daß er mich kräftige bis zum Ende.

So sprach ich: HERR, GOTT, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn ich bei dir vor vielen gerechtfertigt bin, wenn mein Gebet wirklich vor dein Angesicht gekommen ist, so kräftige mich und zeige deinem Knecht die Deutung und Erklärung dieses schrecklichen Gesichts und tröste meine Seele ganz! Du hast mich ja für würdig erachtet, mir das Ende der Zeiten und den Schluß der Stunden zu zeigen.

Da sprach er zu mir: Dies ist die Deutung des Gesichts, das du gesehen hast:

Der Adler, den du vom Meer hast aufsteigen sehen, das ist das vierte Weltreich, das deinem Bruder Daniel im Gesicht erschienen ist; ihm freilich ist es nicht gedeutet, wie ich es dir jetzt deuten will oder schon gedeutet habe. - Siehe Tage kommen, da wird sich ein Reich über die Erde erheben, das furchtbarer sein als alle Reiche, die vor ihm gewesen sind. - Darin werden zwölf Könige herrschen, einer nach dem anderen; der zweite, der herrschen soll, der ist die längste Zeit unter den zwölfen gewesen. Das ist die Deutung der zwölf Flügel, die du gesehen hast.

Und wenn du die Stimme, die gesprochen hat, nicht aus seinen Häuptern, sondern mitten aus seinem Leibe hervorgehen hörtest, so ist dies die Deutung: mitten während der Zeit dieses Reiches werden gewaltige Streitigkeiten entstehen, und es wird in Gefahr kommen, zu fallen; aber zu jener Zeit wird es noch nicht fallen, sondern wieder zu seiner ursprünglichen Macht gelangen. - Und wenn du acht Gegen-Flügel gesehen hast, die neben den Haupt Flügeln entstanden waren, so ist dies die Deutung: es werden sich darin acht Könige erheben, deren Zeiten flüchtig, deren Jahre schnell vorübergehen; zwei davon gehen schon zu Grunde, wann die Mitte des Reiches naht; vier werden für jene Zeit aufgespart, wann seine Stunde, da es endigt, herannaht, zwei aber werden fürs Ende selber aufgespart. - Wenn du drei Häupter hast ruhen sehen, so bedeutet das: um sein Ende wird der Höchste drei Könige erwecken, die werden drinnen vieles erneuern und über die Erde und über ihre Bewohner zu großem Unheil herrschen, mehr als alle, die vor ihnen gewesen sind. Deshalb heißen sie Häupter des Adlers, weil sie es sein werden, die seine Frevel auf den Hauptpunkt bringen und sein Äußerstes vollführen. Wenn du das große Haupt hast verschwinden sehen: der erste von ihnen wird auf seinem Bett sterben, aber doch unter Qualen. Die beiden Übrigen aber wird das SCHWERT fressen. Denn des Ersten SCHWERT wird den Andern fressen; doch wird auch dieser in der letzten Zeit durchs SCHWERT fallen.

Wenn du zwei Gegen-Flügel zu dem rechten Haupt hast hinübergehen sehen; ihre Herrschaft wird schwach und stürmisch sein, wie du gesehen hast. Der Löwe aber, der vor deinen Augen mit Gebrüll aus dem Walde hervorgestürzt ist, der zum Adler gesprochen und ihm seine Sünden vorgehalten hat, mit allen den Worten, die du gehörst hast: das ist der Messias, den der Höchste bewahrt für das Ende der Tage, der aus dem Samen Davids erstehen und auftreten wird, um zu ihnen zu reden; er wird ihnen die Gottlosigkeit vorhalten, die Ungerechtigkeiten strafen, die Frevel vor Augen führen. Denn er wird sie zunächst lebendig vor Gericht stellen; dann aber, nachdem er sie überwiesen, wird er sich vernichten. Den Rest meines Volkes aber, die in meinem Lande übriggeblieben sind, wird er gnädig erlösen und ihnen Freude verleihen, bis das Ende, der Tag des Gerichtes, kommt, über den ich zu dir am Anfang gesprochen habe.

Dies ist der Traum, den du gesehen, und dies ist seine Deutung. Du allein bist würdig gewesen, dies Geheimnis des Höchsten zu erfahren. So schreibe dies Alles, was du gesehen hast, in ein Buch und bewahre es an verborgenem Ort; und lehre es die Weisen deines Volkes, von denen du sicher bist, daß ihre Herzen diese Geheimnisse fassen und bewahren können. Du selber harre hier noch sieben Tage aus, daß du die Offenbarung empfängst, die der Höchste dir noch zu offenbaren geruhen mag. So ging er von mir.

Schluß

Als nun das Volk gehört hatte, daß die sieben Tage vorüber, aber ich noch immer nicht wieder in der Stadt sei, da kam alles Volk, Klein und Groß, zusammen und ging zu mir heraus; sie sprachen zu mir also: Was haben wir gegen dich begangen, was haben wir dir Übles getan, daß du uns so ganz verlassen und dich an diesem Ort niedergelassen hast! Du bist uns ja von allen Propheten allein übriggeblieben wie ein Traube aus der ganzen Lese, wie eine Leuchte an dunklem Ort, wie ein Rettungshafen für das Schiff im Sturm. Oder ist der Leiden noch nicht genug, die uns betroffen haben? Willst du uns noch verlassen , so wäre uns viel besser, wir wären im Brande Zions mit verbrannt! Wir sind ja nicht besser als jene, die dabei umgekommen sind. Und sie weinten laut.

Da antwortete ich ihnen und sprach: Fasse Mut, Israel; sei nicht traurig, Jakobs Haus! Denn vor dem Höchsten wird euer gedacht, der Allmächtige hat euch nicht für immer vergessen. Ich aber habe euch nicht verlassen, noch will ich von euch scheiden, sondern ich bin hierhergegangen, um für Zions Verwüstung zu beten und um Erbarmen zu flehen für unseres Heiligtums Schmach. Nun aber geht alle in eure Häuser zurück, so will ich nach jenen Tagen zu euch kommen.

Da ging das Volk in die Stadt, wie ich ihnen geboten hatte. Ich aber blieb sieben Tage lang im Gefilde, nach seinem Befehl. Ich aß aber ganz allein von den Kräutern des Feldes; meine Speise waren Pflanzen in jenen Tagen.

Seite zurück  |  Seite vor




Startseite
Buch Jubiläen
Buch Weisheit
Jesus Sirach
Vierte Esra
Buch Henoch

Inhalt
Die Bibel 4 You
1 2 3 4 5 6 7