Sechstes Gesicht

Der Mensch, der Welterlöser

Nach den sieben Tagen geschah es, da träumte ich des Nachts einen Traum:

Siehe, da stieg ein gewaltiger Sturm vom Meere auf und erregte alle seine Wogen. Ich schaute, siehe da führte jener Sturm aus dem Herzen des Meeres etwas wie einen Menschen hervor; ich schaute, siehe dieser Mensch flog mit den Wolken des Himmels. Und wohin er sein Antlitz wandte und hinblickte, da erbebte alles, was er anschaute; und wohin die Stimme seines Mundes erging, da zerschmolzen alle, die seine Stimme vernahmen, wie Wachs zerfließt, wenn es Feuer spürt.

Danach schaute ich, siehe, es kam vor den vier Winden des Himmels her ein unzählbares Heer von Menschen zusammen, um den Menschen, der aus dem Meer emporgestiegen war, zu bekämpfen. Da schaute ich, wie er sich einen großen Berg losschlug und auf ihn flog. Ich aber bestrebte mich, Gegend oder Ort zu erkennen, woraus der Berg losgeschlagen war; aber ich vermochte es nicht. Danach schaute ich, siehe, alle, die sich gegen ihn zum Kriege versammelt hatten, gerieten in große Furcht, wagten aber doch den Kampf. Als er aber den Ansturm des Heeres, das auf ihn loskam, sah, da erhob er keine Hand, noch führte er ein SCHWERT oder eine andere Waffen, sondern ich sah nur, wie er von seinem Munde etwas wie einen feurigen Strom ausstieß, von seinen Lippen einen flammenden Hauch, und von seiner Zunge ließ er hervorgehen stürmende Funken: alle diese aber vermischten sich ineinander: der feurige Strom, der flammende Hauch und der gewaltige Sturm. Das fiel über das anstürmende Heer, das zum Kampfe bereit war, und entzündete sie alle, so daß im selben Augenblick von dem unzählbaren Heer nicht anderes zu sehen war außer dem Staube der Asche und dem Dunste des Rauches.

Als ich das sah, entsetzte ich mich. - Danach schaute ich, wie jener Mensch vom Berge herabstieg und ein anderes friedliches Heer zu sich rief. Da nahten sich ihm Gestalten von vielen Menschen, die einen frohlockend, die anderen traurig; einige waren in Banden, einige führten andere als Opfergaben mit sich.

Ist es besser, die Endzeit zu erleben oder nicht

Da erwachte ich vor gewaltigem Schrecken. Dann flehte ich zum Höchsten und sprach: Du hast von Anfang an deinem Knecht solche Wunder offenbart und mich würdig erachtet, mein Flehen anzunehmen. So offenbare mir nun noch die Deutung dieses Traumes.

Denn wie ich denke in meinem Sinn: Wehe denen, die übrigbleiben in jener Zeit! aber noch viel mehr: Wehe denen, die nicht überbleiben! Denn die nicht überbleiben, müssen traurig sein; denn sie kennen zwar die Freuden, die für die letzte Zeit bereit stehen, werden aber selbst nicht dazu gelangen. Aber wehe auch denen, die überbleiben; deshalb, weil sie große Drangsale und viele Nöte schauen müssen, wie diese Träume zeigen. Und doch ist es besser, dies, wenn auch durch Gefahren, zu erlangen, als wie eine Wolke aus der Welt zu schwinden und die Dinge der Endzeit nicht zu sehen.

Er antwortete mir und sprach: Ich will dir die Deutung des Gesichtes zeigen und will dir auch über deine Erwägungen Aufschluß geben. Wenn du über die Überbleibenden und Nicht-Überbleibenden gesprochen, davon ist dies die Lösung: Derselbe, der in jener Zeit die Drangsal bringt, der wird auch die in Drangsal Gefallenen bewahren, wenn sie Werke haben und Glauben an den Allerhöchsten und Allmächtigen. So wisse also, daß die Überbleibenden bei Weitem seliger sind als die Gestorbenen.

Die Deutung

Die Deutungen des Gesichtes sind diese: Wenn du einen Mann aus dem Herzen des Meeres hast emporsteigen sehen: Das ist derjenige, den der Höchste lange Zeiten hindurch aufspart, durch den er die Schöpfung erlösen will; der wird selber unter den Übergebliebenen die neue Ordnung schaffen. Wenn du gesehen hast, wie aus seinem Munde Sturm und Feuer und Wetter hervorging, wie er kein SCHWERT noch eine Waffe führte und doch den Ansturm jenes Heeres, das wider ihn zu Felde zog, vernichtete, das bedeutet: Siehe, Tage kommen, da der Höchste die Erdenbewohner erlösen wird. Da wird gewaltige Erregung über die Erdenbewohner fallen, daß sie Kriege wider einander planen, Stadt gegen Stadt, Ort gegen Ort, Volk gegen Volk, Reich gegen Reich.

Dann, wann dies geschieht und wann die Zeichen eintreffen, die ich dir vorausgesagt, dann wird mein Sohn erscheinen, den du als Mann, der emporsteigt, gesehen hast. Dann, wann alle Völker seine Stimme vernehmen, werden sie alle ihre Länder und wechselseitigen Kriege lassen; so wird sich ein unzählbares Heer an einem Punkte sammeln, wie du gesehen hast, daß sie von sich aus herankamen und ihn angriffen. Er selbst aber wird auf den Gipfel des Zionberges treten; Zion aber wird erscheinen und allen offenbar werden, vollkommen erbaut, wie du gesehen hast, daß ein Berg ohne Menschenhände losgelöst ward. Er aber, mein Sohn, wird den Völkern, die wider ihn gezogen sind, ihre Sünden strafen - die sind dem Wetter gleich; er wird ihnen ihre bösen Anschläge und ihre künftigen Qualen vorhalten. Die sind wie das Feuer, dann wird er sie mühelos vernichten durch sein Geheiß, das gleicht der Flamme.

Wenn du ihn aber ein anderes, friedliches Heer zu sich hast rufen und sammeln sehen, das sind die zehn Stämme, die aus ihrem Lande fortgeführt sind in den Tagen König Josias, die Salmanassar, König der Assyrer, gefangen genommen hat; er brachte sie über den Fluß, so wurden sie in ein anderes Land verpflanzt. Da faßten sie selber den Plan, die Menge der Heiden zu verlassen und in ein Land, noch weiter in die Ferne zu ziehen, wo noch nie das menschliche Geschlecht gewohnt hatte, damit sie dort wenigsten ihre Satzungen bewahrten, die sie im eigenen Lande nicht gehalten. So zogen sie durch schmale Furten des Euphratflusses ein. Denn der Höchste tat Wunder an ihnen und hielt die Quellen des Flusses an, bis sie hinüber waren. Zu jenem Land aber war der Weg anderthalb Jahre weit; das Land aber heißt Arzaret. Daselbst haben sie dann gewohnt bis in die letzte Zeit; jetzt aber, da sie abermals kommen sollen, wird der Höchste abermals die Quellen des Flusses anhalten, damit sie herüberkönnen. Deshalb hast du ein Heer, friedlich gesammelt, gesehen.

Zugleich aber sind es auch diejenigen, die übergeblieben sind aus deinem Volke, die sich auf meinem heiligen Gebiete finden. Dann also, wann er das Heer der versammelten Heiden vernichten wird, wird er das Volk, so viel davon übrig ist, beschirmen. Dann wird er ihnen noch viele große Wunder zeigen. Da sprach ich: HERR GOTT, zeige mir, weshalb ich den Mann aus dem Herzen des Meeres habe aufsteigen sehen. Er sprach zu mir: Wie niemand erforschen noch erfahren kann, was in des Meeres Tiefen ist, so kann niemand der Erdenbewohner meinen Sohn schauen noch seine Gefährten, es sei denn zur Stunde seines Tages.

Dies ist die Deutung des Traumes, den du gesehen hast. Deshalb aber ist dir, dir ganz allein, dies offenbart, weil du das Eigene verlassen, dich dem Meinigen gewidmet und nach meinem Gesetz geforscht hast; du verwandest dein Leben auf Weisheit und nanntest Vernunft deine Mutter. Deshalb habe ich dir dies gezeigt, denn es gibt einen Lohn bei dem Höchsten. Nach drei Tagen aber will ich weiter mit dir sprechen und dir schwierige und wunderbare Dinge erklären.

Schluß

So ging ich von dann und wandelte durch die Felder, voll Lob und Preis gegen den Höchsten, auch um der Wunder willen, die er zu seiner Zeit wirkt: er regiert ja die Stunden, und was in den Stunden geschieht. So blieb ich dort noch drei Tage.

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