Kapitel 7:

Ich bin ein sterblicher Mensch wie alle anderen, die von dem ersten, aus Erde geformten Menschen abstammen. Durch den Samen eines Mannes bin ich in Liebeslust gezeugt worden, im Blut meiner Mutter zusammengeronnen und in ihrem Leib neun Monate lang herangewachsen. Wie alle Neugeborenen lag ich auf der Erde, ich sog die Luft ein, die wir alle atmen, und wie bei jedem Neugeborenen war mein erster Laut ein Weinen. Ich wurde in Windeln gewickelt und war ganz auf die Fürsorge anderer Menschen angewiesen. Auch ein König kam noch nie anders auf die Welt. Alle treten wir auf dieselbe Weise ins Leben, und auf dieselbe Weise verlassen wir es auch wieder.

Deshalb betete ich um Einsicht, und sie wurde mir geschenkt; ich rief zu GOTT, und er sandte mir Weisheit. Sie war mir willkommener als Zepter und Königsthrone; Reichtum war mir nichts, verglichen mit ihr. Der kostbarste Edelstein erschien mir wertlos neben ihr; Gold kam mir ihr gegenüber vor wie gewöhnlicher Sand und Silber wie Straßenstaub. Ich schätzte sie mehr als Gesundheit und Schönheit; ich zog sie sogar dem Sonnenlicht vor, denn sie strahlt in einem Glanz, der nie erlischt.

Zusammen mit der Weisheit aber wurden mir alle Reichtümer geschenkt; denn sie teilt unermeßliche Schätze aus. Ich hatte Freude an allen Dingen, weil sie im Gefolge der Weisheit zu mir kamen; ich wußte aber noch nicht, daß die Weisheit sie auch hervorgebracht hatte.

Selbstlos erwarb ich mir Weisheit, neidlos gebe ich sie weiter. Ihren Reichtum verstecke ich nicht; denn sie ist ein unerschöpflicher Schatz für alle Menschen. Wer ihn erwirbt, erwirbt zugleich die Freundschaft mit GOTT, weil ihn die Früchte seiner Erziehung bei GOTT empfehlen.

GOTT als Quelle der Weisheit

Ich bitte GOTT, daß er mich fähig macht, einsichtsvoll zu reden und so zu denken, wie es den Gaben entspricht, die mir verliehen sind. Denn er zeigt der Weisheit die Wege und weist die Weisen zurecht, wenn sie irren. In seiner Hand sind wir selbst und unsere Worte, unsere Einsichten und praktischen Fähigkeiten. Er gab mir zuverlässiges Wissen über alle Dinge: über den Aufbau der Welt und das Wirken der Elemente, über Anfang, Mitte und Ende der Zeiten, über die Bahn der Sonne und den Wechsel der Jahreszeiten, den Kreislauf des Jahres und den Stand der Gestirne, über das Wesen der Tiere und die Wildheit der Raubtiere, die Macht der Geister und die Gedanken der Menschen, die Unterschiede der Pflanzen und die Heilkraft ihrer Wurzeln. Ich weiß nicht nur das Offenbare, sondern auch das Verborgene; denn die Weisheit, die alle Dinge geformt hat, hat es mich gelehrt.

Preis der göttlichen Weisheit

Die Weisheit ist vernünftig und heilig. Sie ist einzig in ihrer Art und doch vielfältig, fein und beweglich, durchsichtig, fleckenlos und klar. Niemand kann ihr etwas anhaben. Sie liebt das Gute und durchschaut alles. Nichts kann sie hindern. Sie erweist den Menschen Wohltaten und meint es gut mit ihnen. Sie ist fest und unerschütterlich und genügt sich selbst. Sie kann alles, sie sieht alles; sie durchdringt alle denkenden Geister, so fein sie sind.

Die Weisheit ist schneller als alles und so rein und fein, daß sie durch alles hindurchgehen kann. Denn sie ist ein Hauch, der von dem allmächtigen GOTT ausgeht, ein reiner Ausfluß seiner Herrlichkeit; deshalb kann nichts Unreines in sie eindringen. Sie ist der Abglanz des ewigen Lichtes, der ungetrübte Spiegel von GOTTES Macht, das Abbild seiner Vollkommenheit. Sie ist nur eine und kann doch alles; selbst unwandelbar, erneuert sie alle Dinge. In jeder Generation nimmt sie Wohnung in heiligen Seelen und macht Menschen zu Vertrauten GOTTES und zu Propheten. Nur wer in engster Verbindung mit ihr lebt, wird von GOTT geliebt.

Die Weisheit leuchtet herrlicher als die Sonne und steht höher als jeder Stern; sie übertrifft sogar das Tageslicht. Denn auf den Tag folgt die Nacht; aber über die Weisheit hat das Böse keine Macht. Kraftvoll durchwaltet sie das All von einem Ende bis zum anderen und regiert alles aufs Beste.


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